Gott der Barbaren

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„Gott der Barbaren“ von Stephan Thome

„Danach solltest du dich daran erinnern, dass in jedem Sieg der Keim der Niederlage liegt.“

In seinem neusten Werk erzählt Thome fulminant über die Taiping-Rebellion (1851-1864), einen zunächst christlich-religiös motivierten, später zunehmend politischen Aufstand ethnischer Minderheiten gegen das offizielle Kaiserreich China. Bei diesem Bürgerkrieg starben 20-30 Millionen Menschen. Er war damit der opferreichste Bürgerkrieg der Menschheitsgeschichte! Einen nicht unwesentliche Anteil am blutigen Verlauf hatten die Engländer, die sich zunächst unter dem Deckmäntelchen der Missionare und Weltverbesserer zur Neutralität verschrieben, diese Neutralität dann aber zur Verfolgung ihrer eigenen politischen und v.a. wirtschaftlichen Ziele (2. Opiumkrieg!) nach Belieben ausdehnten und durchbrachen.

Thome erzählt aus der Perspektive unterschiedlicher, teils historisch belegter, teils fiktiver Figuren. Auch wenn der häufige (sprachlich fantastisch gelungene) Perspektivwechsel anfangs verwirrend ist und ich oft nur dank des Personenverzeichnisses im Anhang folgen konnte, liegt in ihm begründet, was das Werk so bemerkenswert macht. Man erkennt, wie komplex und verwoben Geschichte ist, wie wechselseitig sich Interessen und Ereignisse beeinflussen. Noch viel wichtiger aber: man erkennt, welch blutige Folgen völliges Unverständnis für Unbekanntes, religiöser Fanatismus, Rassismus, Machthunger und nationaler Egoismus haben! Wie traumatisch sich Krieg und Terror auf die Seele einer Nation, auf die Seele jedes einzelnen Menschen auswirken und dass am Ende immer auch die vermeintlichen Gewinner Verlierer sind.

„Wir alle sind fähig, die höchsten Ideale zu haben und die niedrigsten Taten zu begehen, oft genug benutzen wir Erstere sogar, um Letztere zu rechtfertigen.“ (664)

Es war nicht immer einfach mich durch die über 700 Seiten zu kämpfen, aber am Ende angelangt hatte ich das Gefühl reichlich belohnt worden zu sein, an Wissen, an Erkenntnis und v.a. an Verständnis für heutige Konflikte. Kudos, Stephan Thome!

„Gott der Barbaren“ von Stephan Thome

erschienen im Suhrkamp Verlag

4 Gedanken zu “Gott der Barbaren

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