Unter der Drachenwand

Bücher 2018, Deutschsprachige Literatur, Lieblingsbücher

„Unter der Drachenwand“ von Arno Geiger

„Im Himmel, ganz oben, konnte ich einige ziehende Wolken erkennen, und da begriff ich, ich hatte überlebt.“

so beginnt die Geschichte Veit Kolbes, der, nachdem er mehr als fünf Jahre als Soldat den Krieg miterlebt hat, von Granitsplittern verwundet von der Front zurückkehrt und dank familiärer Beziehungen einige Monate zur Rekonvaleszenz in dem kleine Dorf Mondsee verbringt, das am gleichnamigen See zu Fuße der Drachenwand liegt, einer bedrohlich wirkenden Felswand in den Salzkammergut-Bergen. Dort trifft er neben Margarete, eine Wiener Lehrerin, die eine Klasse aus Wien verschickter junge Mädchen betreut, auf die junge Mutter Margot, eine Darmstädterin, die mit ihrem Baby bei der selben mürrischen Quartiersfrau wie Veit untergekommen ist. Auch trifft er in Mondsee den „Brasilianer“, einen ehemaliger Auswanderer, der unfreiwillig in die Heimat zurückgekehrt ist und nicht bereit ist, seine freiheitlichen Träume und Ansichten dem Wegducken unter dem Naziterror zu opfern. Neben den Hauptepisoden in Mondsee, besteht der Roman aus 3×3 Berichten in Briefform. Zum einen schreibt ein jüdischen Zahntechniker aus Wien von seinen immer aussichtsloseren Versuchen mit seiner Familie erst in der Heimat, dann in Budapest zu überleben. Daneben Brief von Margots Mutter, die in der Darmstädter Brandnacht, bei der die Stadt komplett von Britischen Bombern zerstört wurde, nicht nur ihr Zuhause sondern auch zahlreiche Freunde und Verwandte verliert. Schließlich noch die Liebesbriefe des ebenfalls aus Wien stammenden 17-jährigen Kurts, der an seine zu der Mädchengruppe gehörende Freundin schreibt.

Ich habe dieses Buch bereits vor einigen Monaten gelesen und mich sehr gefreut, es auf der Longlist des Deutschen Buchpreises zu finden, für den es völlig zurecht nominiert ist. Was für ein kraftvoller Roman, der mich sprachlos zurückgelassen hat. Ich kann mich an kein Buch erinnern, das so eindringlich die Schrecken, die der Zweite Weltkrieg für die Zivilbevölkerung mit sich brachte, schildert. Man erlebt wie jeder noch so kleine Mosaikstein des Alltags all der Menschen durch die grauenhaften Kriegsgeschehnisse und die abscheulichen, ideologischen Repressalien mit Dunkelheit und Blut überzogen wird.

„Er wisse, wer im fünften Kriegsjahr Orchideen anbaue, sei der unbewusste Feind all derer, die darüber nachdächten, was außer Blut zum hiesigen Boden passe.“

mit diesen Worten erklärt der „Brasilianer“ seine Flucht in die Arbeit in einem kleinen Gewächshaus.

„Und sei dir bewusst, es ist leichter, Menschen zu Hass anzustacheln, als sie zu Liebe und Achtung zu bringen, eine Ahnung davon schlummert in jedem Menschen.“

Man könnte noch so vieles über diesen wunderbaren Roman schreiben, der sprachlich so geschliffen ist, so überraschend (noch kurz zu erwähnen die Schrägstriche, die den Text immer wieder durchschneiden wie geschriebenes, kurzes Innehalten) . Aber letztendlich muss man ihn einfach lesen. Ja, muss!

„Unter der Drachenwand“ von Arno Geiger erschienen im Hanser Verlag

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s