Bungalow

Bücher 2018, Deutschsprachige Literatur, Neues vom Büchermarkt, Punks not dead!

„Bungalow“ von Helene Hegemann

Wie anfangen über einen Roman zu schreiben, den man so schwer in Gedanken, geschweige denn in Worte fassen kann? „Bungalow“, der neuste Roman von Helene Hegemann, erzählt auf eine radikale, teilweise unerträglich brutale Weise eine Coming-of-age Geschichte in einem apokalyptischen Setting und wirft zugleich einen kritischen Blick auf die sozial immer weiter auseinanderklaffende Gesellschaft, in der wir leben.

„…die Menschheit war im Grunde eine einzige Obszönität, der Teil der Menschheit, zu dem er gehörte, hatte Appetit auf argentinisches Büffelfilet und macht Urlaub in Umbrien, der andere Teil war arm und gelangweilt, und zu dem gehörte ich, wir waren Speere der Verdammnis, Mythos, Geschichte, Stille, Verwandlung…“

Hauptperson des Romans ist die 12-jährige Charlie, die mit ihrer psychisch kranken, alkoholsüchtigen Mutter in einer nach dem 2. Weltkrieg entstandenen hässlichen Beton-Mietskaserne am Rande einer „austauschbaren“ Großstadt lebt. Vom Balkon der verwahrlosten Wohnung (Wohnberechtigungsschein) aus blicken sie auf eine kleine Bungalow-Siedlung, die bezeichnender Weise von oben betrachtet wie ein Hakenkreuz aussieht. Dort leben die „Millionäre“, die privilegierte Menschen.

„Wenn es regnete, sah ich in ihren Gesicherten den Verdruss darüber, dass auf uns derselbe Regen fiel wie auf sie selbst.“

Charlies Leben ist verzweifelt darauf ausgerichtet die Umwelt über den tatsächlichen Zustand ihrer Mutter und ihrer Lebensumstände zu täuschen. Nicht nur das, sie versucht auch sich selbst zu täuschen und schreibt selbst nach einer Nacht der totalen Eskalation, in der sie und ihre Mutter kurz davor sind, sich gegenseitig abzustechen, in ihr Tagebuch, dass sie sich zu Weihnachten ein Kaninchen wünscht.

Die Konfrontation mit der „anderen“ Welt, mit ihren Wünschen und Sehnsüchten manifestiert sich für Charlie, als in einen der gegenüberliegenden Bungalows Marie und George einziehen, ein Künstlerehepaar. Deren Leben nicht nur zu beobachten, aber sich selbst zu einem Teil davon zu machen, wird fortan zu einer Obsession von ihr. Und mehr und mehr verschlieren sich, wie in einem mit Ölfarben auf Leinwand gemalten Roman, Wahrheit und Wunsch, Ängste und Utopie.

Für Hegemann scheinen keine literarischen Regeln zu gelten. Versucht man den chronologischen Aufbau, die Sprache, die Charaktere mit gewohnten Maßstäben zu analysieren, gerät man sehr schnell an Grenzen. Mit voller Wucht und Brutalität wird man von der anarchischen Kraft des Buchs niedergewalzt. Die gut 280 Seiten sind gespickt mit unzählige Tierkadaver, Selbstmorden, kotzende Menschen und apokalyptische Szenen.

Für mich war die Wucht an manchen Stellen schwer zu ertragen, es gab Szenen nach denen ich das Buch zuklappen und erst am nächsten oder übernächsten Tag weiterlesen konnte und doch hat es einen unheimlichen Sog. Es war mein erstes Buch von Hegemann, auch mit den kontroversen Diskussionen über die Autorin habe ich mich im Vorfeld (absichtlich) wenig beschäftigt. Aber abschließend muss ich sagen –„Bungalow“ konnte mein „rebellisches Ich“ voll und ganz überzeugen.

„So fühlte sich die Welt an. Wie ein Tsunami, den ich vom Strand aus immer größer und gefährlicher werden sah, während alle anderen noch auf der Welle surften und Spaß hatten und nicht ahnen konnten, wie schnell die Wassermassen an der Küste auftreffen und ihre Körper an den Granitfelsen zerschmettern lassen würden…“

„Bungalow“ von Helene Hegemann
erschienen im Hanser Berlin Verlag – vielen herzlichen Dank für das Rezensionsexemplar!

Fotohintergrund ist ein Plakat der „Kunsthalle München“ zur  Ausstellung „Lust der Täuschung“

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