Die Hochhausspringerin

Bücher 2018, Debütroman, Deutschsprachige Literatur, Dystopischer Roman, Neues vom Büchermarkt

„Die Hochhausspringerin“ von Julia von Lucadou

„Sehen Sie sich diese Augen genau an. Sie werden kein Makel entdecken, keine Rötung, keine Trübung der Iris oder ungleiche Pupillendiameter, stattdessen scharfer Fokus, Konzentration.“

Riva ist gläserner Star der Hochhausspringer. Millionen Fans bewundern sie und beneiden sie um ihr vermeintlich perfektes Leben. Rivas Alltag wird 24/7 in unzähligen Feeds, Streams und Foren verfolgt und kommentiert. Bis eines Tages das Undenkbare passiert – Riva verweigert sich. Sie bricht ihr Training ab und entzieht sich der Außenwelt, zieht sich in komplettes Schweigen und Nichtstun zurück.

Die junge Psychologin Hitomi (japan. die Pupille, das Auge) erhält von ihrem Arbeitgeber den Auftrag – nomen est omen – Riva ohne deren Wissen rund um die Uhr über versteckte Kameras zu beobachten. Sie beginnt, deren Verhalten minutiös zu protokollieren, um daraus Maßnahmen zu entwickeln, die den Star wieder in Spur bringen und so für „die Akademie“ zu einem dauerhaft lohnenden Invest machen sollen. Während Hitomi versucht Rivas Verhalten zu ergründen, gerät sie zunehmend selbst unter Druck, den an sie gestellten Anforderungen gerecht zu werden. Über allem schwebt wie ein Damoklesschwert der Inbegriff des Scheiterns – die Ausweisung in die Peripherien, den Lebensräumen außerhalb der silbern glänzenden Stadt, in denen die Menschen in „Wolken aus Staub und Abgasen“ in slumartigen Siedlungen leben.

Julia von Lucadou beschreibt in ihrem dystopischen Debütroman eine Gesellschaft, in der Perfektionismus das Maß aller Dinge ist. Privatsphäre ist praktisch nicht mehr existent. Jeglicher zwischenmenschliche Kontakt unterliegt festen Ritualen und wird im Vorfeld möglichst exakt geplant und optimiert. So auch die Partnersuche, die natürlich über digitale „Vermittlungsstellen“ (Tinder & Co lassen grüßen) erfolgt und im optimalen Fall zu einer Credit-Union führt.

„Die Dinge, über die wir in unseren kurzen moderierten Chats sprachen, waren vor allem organisatorischer Art: Die Zeitplanung des ersten Treffens im Abgleich mit unseren Arbeitszeiten, unseren sexuellen Präferenzen und generellen Vorstellungen vom Sexualverkehr. Der Austausch unserer STD-Test und Sterilisationszertifikate. Unsere Vorlieben in Bezug auf Geschenke. Als Beziehungsform wurde uns eine langfristige Partnerschaft vorgeschlagen, ohne notwendige Zusammenlegung des Wohnraums. Individuelle Unabhängigkeit steht auf unseren jeweiligen Wertelisten weit oben.“

„Biofamilien“ gelten als eine nicht mehr akzeptiert, da suboptimal Lebensform – die Sehnsucht danach wird als Indikator für psychische Instabilität gesehen und in der wissenschaftlichen Literatur unter dem Label „Nostalgietrend“, umgangssprachlich „Nostalgia-Porn“ behandelt.

In einem knappen, sehr präzisen Sprachstil, der perfekt die kühle Sachlichkeit der Romanwelt widerspiegelt, schildert von Lucadou eine in sich bis ins kleinste Detail schlüssige Dystopie, die so dystopisch gar nicht ist. Ohne plakativ anzuprangern zeigt sie auf, wohin der Drang zur permanenten Selbstevaluation und Selbstoptimierung eine Gesellschaft in letzter Konsequenz führen kann. Und es stellt sich unweigerlich die Frage, ob nicht gerade das Unperfekte das ist, was unser Dasein, unser Menschsein ausmacht. Was passiert, wenn der Menschheit die Menschlichkeit abhanden kommt?

„Egal, wie gut man etwas macht, wenn es nur ein Ausfüllen der Vorstellung eines anderen ist, ist es sinnlos. Perfektionismus ist kein Kompliment. Keiner will das zugeben, aber es stimmt. Was zählt, ist Kreation.“

Mich konnte „Die Hochhausspringerin“ in jeder Hinsicht überzeugt. Absolute Leseempfehlung!

„Die Hochhausspringerin“ von Julia von Lucadou

erschienen bei Hanser Berlin

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