Das Weiße Schloss

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„Das Weiße Schloss“ von Christian Dittloff

Ada und Yves wollen ein Kind. Und sie wollen sich in ihrer beruflichen und persönlichen Freiheit nicht einschränken lassen. Auch oder erst recht nicht durch ein Kind. Sie entscheiden sich daher am Prestigeprojekt des Weißen Schlosses teilzunehmen. Ihr gemeinsames Kind soll dort nicht nur von einer Leihmutter zur Welt gebracht, sondern auch von ihr aufgezogen werden. Die Elternrolle von Ada und Yves wird sich auf die positiven Aspekte des Familienlebens beschränken – Freizeit und Ferien mit dem Kind, gemalte Bilder, die man aufhängt, Teilhaben an Erfolgen des künftigen Nachwuchses.

„Sie beide würden das Kind monatlich besuchen kommen, nicht öfter. Sie wollten sich schließlich auch selbst leben.“

Die alltäglichen Seiten des Elternseins werden von der Leihmutter übernommen, die dafür entsprechend entlohnt wird. „Elternschaft ist hier Beruf und folgt einem alles bedenkende Konzept unter den Vorzeichen Bio und Fair Trade.“

Christian Dittloff beschreibt in seinem grandiosen Debütroman ein anfangs sehr verstörend, kaltherzig anmutendes Familienkonstrukt, das bei näherer Betrachtung jedoch gar nicht weit weg ist von existierenden Modellen und potentielle Antworten zu liefern scheint auf die Herausforderungen der heutigen Zeit. Er hinterfragt gekonnt bestehende Rollenbilder von Mutter, Vater und Eltern und experimentiert mit unterschiedlichen Formen des familiären Zusammenlebens. Wie sehr wird persönliche Freiheit durch Bindung und Verantwortung eingeschränkt? Wie weit dürfen/sollen/müssen eigenen Interessen zurückgestellt werden, wenn es um Elternschaft geht? Wie emotional unabhängig kann man dabei bleiben?

„Sie wollte keine Liebe spüren, die größer war als die Liebe zu sich selbst.“

Der Roman wirft die Frage auf, welche Auswirkungen es auf eine Gesellschaft hat, wenn der traditionelle Familienbegriff immer mehr aufgebrochen und um neue Konstrukte ergänzt wird. Wenn Erfolg im Berufsleben und Selbstverwirklichung oberste Priorität eingeräumt wird. In mehreren Einschüben geht Dittloff sowohl auf Entwicklungen in der wissenschaftliche Forschung ein, die andere Formen der „biologischen“ Elternschaft überhaupt erst ermöglicht haben (z.B. durch künstliche Befruchtung), als auch auf die gesellschaftlich-soziale Entwicklung des Mikrokosmos „Familie“.

Die Emotionalität, die unweigerlich mit dem Thema Partnerschaft, Familie und Bindung einhergeht, zeigt sich auch in der Sprache Dittloffs. Sie nimmt den Leser gefangen wie der Pinselstrich eines Gemäldes, das bei längerer Betrachtung immer neue, wundersam glänzende Details offenbart. Ein stilistisches Kleinod.

„Die Gedanke waren längst dem Gehege der Pläne entflohen, wahrscheinlich ließen sie sich nie wieder einfangen.“

„Das weiße Schloss“ ist ein in jeder Hinsicht großartiges Buch, das mich zum Nachdenken brachte und nachhaltig beschäftigt. Ich wünsche Christian Dittloff noch ganz viele, begeisterte Leser!

„Freedom’s just another word for nothin‘ left to lose
Nothin‘ ain’t worth nothin‘, but it’s free“

(Me and BobbyMcGee, Kris Kristofferson)

„Das weiße Schloss“ von Christian Dittloff

erschienen im Berlin Verlag in der Piper Verlag GmbH

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