Farben der Nacht

Aus aller Welt, Bücher 2018, Debütroman, Neues vom Büchermarkt

„Er steht und schaut. Hinunter auf ihn. Steht reglos, ebenso reglos, wie der daliegt, auf den er hinunterschaut.“ – „Also, soll er nur stehen und schauen.“ Mit diesen Sätzen beginnt und endet der Roman von Davit Gabunia. Zwischen ihnen eine fein gewobene Geschichte über die Suche nach dem Lebensglück. Eine Geschichte voller Zwischentöne, die so viel mehr erzählt, als es auf den ersten Blick scheint.

Der georgische Autor und Dramatiker Davit Gabunia erzählt in seinem Debütroman die Geschichte von fünf Menschen, die erkennen, dass sie aus ihrem Leben herausgefallen sind, dass ihnen von außen vorgelebt wird, wie sie ihr Leben zu leben haben. Und es stellt sich die Frage – was tun? Schlicht stehen und schauen oder agieren? Doch nicht nur das persönliche Umfeld der Protagonisten gerät ins Wanken, auch die Gesellschaft – es ist der Spätsommer des Jahres 2012 und die Regierung in Tiflis steht kurz vor dem Sturz. Die Menschen gehen auf die Straße, um gegen die Bilder von Folterungen Gefangener zu protestieren, es gärt im Kaukasus-Land Georgien. Und auch hier die Frage – was tun?

„Wusste nicht, was ich tun sollte in so einer Situation. Ob ich auch auf die Straße gehen, schreien, irgendetwas fordern sollte oder weiter dasitzen und warten, bis alles vorbei war. Diese Bilder von den Gefangenen waren wirklich schwere Kost, aber ich sah sie mir alle an, sogar mehrmals; und beim dritten oder vierten Mal lässt es dich kalt, oder du hast dir eine dicke Haut zugelegt, jedenfalls hat es nicht mehr dieselbe Wirkung wie beim ersten Mal.“

 

Surab, Anfang 30 und schon länger arbeitslos, lebt mit seiner Frau und den beiden Kindern in einem trostlos anmutenden Wohnblock. Vom Balkon seiner Wohnung aus beobachteter er seinen neuen Nachbarn Schotiko, ein Paradiesvogel mit rotem Alfa Romeo, der seine Homosexualität ganz offen auslebt. Mutig in einem Land, in dem Homosexualität erst seit dem Jahr 2000 legal ist und in weiten Teilen der Gesellschaft noch tabuisiert wird. Auch Surab verspürt Abscheu für „diese Schwuchtel“.

„Nicht, dass ich Angst bekommen hätte, nein! Wovor hätte ich Angst haben sollen, es war mir einfach unangenehm, dieses Händeschütteln, Bekanntmachen und Höflichtun, wo ich doch weiß, was der nachts treibt. Scheißschwuchtel!“

Und doch kann er nicht davon ablassen, Nacht für Nacht das Tun Schotikos in der hell erleuchteten Wohnung zu verfolgen, ja sogar mit unzähligen Fotos, die er säuberlich geordnet und versteckt auf dem Laptop speichert, zu dokumentieren. Er ist so vertieft in die Szenerie, die sich auf der anderen Seite des Hofs abspielt, dass ihm anfangs entgeht, welch Drama sich in seinem eigenen Leben anbahnt.

Gabunia erzählt sprachlich und formal vollendet seine Geschichte aus abwechselnden Perspektiven. Immer lebensnah, bisweilen poetisch, doch nie kitschig, trägt seine Sprache die Gefühls- und Gedankenwelt seiner Protagonisten.

„Es ist eine Aussage, die nichts anderes bedeutet, als was jedes ihrer Wörter für sich genommen heiß-

Ich

Will

immer

bei dir

sein

All diese Wörter sind gleichwertig und tragen keinerlei andere Bedeutung, jedes ist, was es ist, und bedeutet was es bedeutet-„

Ein Buch, das einem Georgien, das diesjährige Partnerland der Frankfurter Buchmesse, nahebringt. Absolute Leseempfehlung!

Vielen herzlichen Dank an den Rowohlt Verlag Berlin für das Rezensionsexemplar!

„Farben der Nacht“ von Davit Gabunia

erschienen im Rowohlt Verlag

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