Das Birnenfeld

Aus aller Welt, Bücher 2018, Debütroman, Frauenliteratur, Lieblingsbücher, Neues vom Büchermarkt

Diese Bücher, die man in den Händen hält, eigentlich nur mal kurz reinlesen will und dann nicht mehr weglegen kann. Sind das nicht die besten? Zu diesen Büchern gehört für mich „Das Birnenfeld“ von Ekvtimishvili, deren Erzählweise mich von der ersten Seite an gefesselt hat. Und deren Heldin Lela mir sofort ans Herz gewachsen ist.

„In einem Außenbezirk von Tbilissi, dort, wo die Straßen keine Namen haben, sondern das Viertel in Blöcke und Nummern untereilt ist, stößt man auf eine, die doch einen Namen hat: die Kertsch-Straße, Sehenswürdigkeiten, historische Bauwerke, Denkmäler, Springbrunnen sucht man hier vergeblich.“

Dort in der Kertsch-Straße, im Georgien der 90er Jahre, befindet sich das Internat für geistig behinderte Kinder. Die Wenigsten der „Debilen“, wie sie von der Außenwelt und ihren Betreuern genannt werden, sind tatsächlich behindert, allesamt sind es jedoch Kinder, die keiner mehr braucht oder will. Kinder, die zurückgelassen wurden durch Todesfälle oder auf dem Weg in eine vermeintlich bessere Zukunft. An einem Ort, der scheinbar der Inbegriff von Hoffnungslosigkeit ist, dessen Geruch, der Geruch eines „fauligen Schoßes“ ist, der Geruch nach vollgepissten Matratzen, Petroleumheizkörpern und ungewaschenen Kindern. Selbst das an das Internat angrenzende Feld mit Birnbäumen ist nur Sinnbild trügerischer Hoffnung:

„Die kleinen krüppeligen Birnbäume, die dort wachsen, tragen Jahr für Jahr Früchte, aber niemand rührt sie an. Zu oft schon sind neu angekommene Kinder auf das lockende grüne feld hinausgestürmt, und dann wurden ihnen die Füße plötzlich schwer, wie von einer unheimlichen Kraft festgehalten. Das Feld steht immer unter Wasser (…)

Nun stehen sie da, die Birnbäume, von allen verlassen, mit niedrigen, knorrigen, warzenbedeckten Stämmen und langen, ineinander verfolchtenen Ästen, die fas bis zur Erde reichen. Diese Bäume tragen jeden Sommer große grüne, glänzende Birnen. Wer doch abpflückt und hineinbeißt, merkt, dass sie steinhart sind und wässrig schmecken, vielleicht weil sie nie rechzeitig bis zum Kälteeinbruch reif werden, vielleicht auch wegen des Wassers unklarer Herkunft.“

 

Wenn sich an diesem Ort dann unerwartet doch einmal etwas Freudiges ereignet,

„rauscht (es) so schnell vorbei, dass es eher ein Gefühl des Mangels als des Glücks hinterlässt“.

 

Eines der Kinder im Internat ist Lela, inzwischen 17, die den Teil ihres Lebens, der ihr erinnerlich ist, an diesem Ort verbracht hat. Sie lässt sich jedoch nicht unterkriegen, rebelliert gegen die Trostlosigkeit. Resolut kämpft Lela gegen das scheinbar ausweglose Schicksal der Kinder. Und bringt dadurch Hoffnung an einen Ort, der für dieses Gefühl keinen Raum zu bieten scheint.

Ein warmherziges, großartiges Buch ist dieses Debüt von Nana Ekvitimishvili. Ein Buch das ein rebellisches Mädchen in den Mittelpunkt stellt, das in einem verkrustet Kokon aus Schmutz und Lieblosigkeit, zu einer Heldin heranwächst. Sprachlich auf den Punkt ist es nach „Farben der Nacht“ von Davit Gabunia erneut ein Werk aus Georgien, das mich wirklich umgehauen hat! Was für großartige junge Autoren/innen das diesjährige Gastland der Frankfurter Buchmesse doch zu bieten hat! Lest Georgien!

„Das Birnenfeld“ von Nana Ekvtimishvili

erschienen im Suhrkamp Verlag, 220 Seiten, 16,95 €

 

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