Asymmetry

Amerikanische Literatur, Aus aller Welt, Bücher 2018, Debütroman, Frauenliteratur, Lieblingsbücher, Neues vom Büchermarkt

„Asymmetry“ von Lisa Halliday

„Are you game?“

She looked at him.

He looked at her.

Alice laughed.

„Are you game?“ he repeated.

Turning back to her cone: „Well, no reason not to be, I guess.“

So beginnt die Geschichte zwischen Alice und Ezra Blazer. Sie eine junge Lektorin, er ein renommierter Schriftsteller, Gewinner etlicher Literaturpreise. Gut zwei Generationen liegen zwischen ihnen. „Trotzdem“ entwickelt sich zwischen den beiden eine Beziehung, anfangs vorrangig sexuell, im Laufe der Zeit zunehmender in die Tiefe gehend. TEIL EINS. FOLLY.

Two passports with two colors and three languages between them, although my Arabic is barely serviceable and I didn’t learn a word of Kurdish until I was almost twenty-nine. Two passports, two nationalities, no native soil.

Amar wird am Flughafen Heathrow von der Zollkontrolle festgehalten. Er ist unterwegs von Los Angeles ins irakisch-kurdische Suleimanija, wo sein älterer Bruder lebt. Dieser Transitmoment, der sich ungewollt über mehrere Tage hinzieht, wird angefüllt mit Erinnerung an Amars bisheriges Leben in einer amerikanisch-irakischen Großfamilie. TEIL ZWEI. MADNESS.

INTERVIEWER: Are we to take it from that, Ezra Blazer, that the decidedly unconventional protagonists in your novels are entirely the products of a wild imagination?

EZRA BLAZER: (Laughs) If only my imagination were so wild. No. Certainly not. And yet it would be equally wrong to call them autobiographical, or to become caught up in that inane exercise of trying to separate „truth“ from „fiction“ as if those boxes weren’t kicked aside by the novelist for good reason to begin with.

Ezra Blazer, inzwischen hat er den ersehnten Literaturnobelpreis gewonnen, ist Gast einer bekannten Radiosendung, in der Prominente zu von ihnen ausgewählten, mit ihren Erzählungen korrelierenden Musikstücken, Einblick geben in prägende Momente ihres Lebens. TEIL DREI. EZRA BLAZER’S DESERT ISLAND DISC.

Auf den ersten Blick scheinen die einzelnen Abschnitte des Debütromans von Lisa Halliday in keiner Beziehung zueinander zu stehen. Auf den zweiten Blick steckt genau darin die konstruktionelle Raffinesse dieses in jeder Hinsicht aktuellen und enorm gut geschriebenen Romans. Zu der innerhalb des Roman existierenden Komplexität gesellt sich eine weitere Metaebene, die in der persönlichen Geschichte der Autorin begründet liegt. Halliday selber hatte in jungen Jahren eine anfangs „romantical“, später enge, freundschaftliche Beziehung zu Philip Roth. Die Ähnlichkeiten zwischen der Romanfigur Ezra und Roth sind unverkennbar. Auf die Frage, inwieweit „Asymmetry“ eine autofiktionaler Roman ist, antwortet Halliday bei ihrer Lesung im Literaturhaus München, dass jedes Buch im Grunde autofiktional ist. „You use whatever you can to make it vivid. There are always overlapping details. But you underestimate the amount of work if you assume everything is autobiographical.“

Der Titel „Asymmetry“ ist clever gewählt. Letztendlich sind es zahlreiche Asymmetrien mit denen der Roman spielt. Da ist die Asymmetrie in der Beziehung zwischen Alice und Eszra, die sich im Laufe der Zeit verschiebt – ein Entwicklung, der jede Beziehung unterliegt. Die offenkundige, stilistische Asymmetrie der einzelnen Romanteile – auf kurze, impressionistisch anmutende Momentaufnahmen im ersten Teil, erzählt in der dritten Person aus Sicht von Alice, folgt eine nachdenklich autobiografische Reflexion von Amar, erzählt in der ersten Person. (So bekannte Halliday auch, dass ihr Amar viel ähnlicher ist als Alice, sowohl charakterlich als auch im Bezug auf seine politische Einstellung.) Diese stilistische Schieflage spiegelt eindringlich die beiden so unterschiedlichen Lebenswelten von Alice und Amar wieder. Und sie spiegelt sogleich die „multiplicity of life“, so Halliday. Denn ist nicht jedes Leben aufgespannt zwischen zahlreichen Asymmetrien? Asymmetrien, die wir versuchen irgendwie in Einklang zu bringen?

„She can hold her mirror up to whatever angle she likes – she can even hold it such that she herself remains outside ist frame, the better to de-narcissize the view – but there’s no getting around the fact that she’s always the one holding the mirror. And just because you can’t see yourself in a reflection doesn’t mean no one can.“

Verknüpft werden alle Teile und alle Protagonist jedoch durch eine ihnen gemeinsame Sprache – die der Literatur und Musik. Alle drei – Alice, Ezra und Amar – sind passionierte Leser und Musikliebhaber. Zitate und Musikstücke ziehen sich wie ein roter Faden durch den Roman, werden fallengelassen, wieder aufgenommen und am Ende verwoben zu einem klingenden Gesamtbild. So klingend, dass ich nur empfehlen kann, parallel zur Lektüre die in ihr erwähnten Musik zu hören.

(Für alle Spotify-Nutzer habe ich sie hier auf einer Playlist zusammengestellt)

 

„Asymmetry“ von Lisa Halliday

IMG_1904

aus dem Englischen von Stefanie Jacobs erschienen im Hanser Verlag, 316 Seiten

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