So enden wir

Aus aller Welt, Bücher 2018, Neu auf dem Markt, Punks not dead!, Südamerikanische Literatur

„So enden wir“ von Daniel Galera

„Dieser plötzliche Drang, die Zerstörung der Welt voranzutreiben, hatte mit dem Gestank von Menschenscheiße auf dem Gehwegen zu tun, mit den Dämpfen, die von den Müllcontainern aufstiegen, dem Streik der Busfahrer und der allgemeinen Verzweiflung über die Hitzewelle, die Porto Alegre gegen Ende jenes Januars überrollte…“

Es ist ein heißer Sommerabend im Jahr 2014, als Andrei Dukelsky, genannt Duque, geniales Schriftstellertalent, auf seiner Joggingrunde erschossen wird.

„… aber wenn es ein Vorher und Nachher gab, einen Bruch zwischen dem Leben, das ich bisher geführt hatte, und dem, was mich anscheinend erwartete, dann war es die Nachricht, dass Andrei am Abend zuvor bei einem bewaffneten Raubüberfall ums Leben gekommen war.“

Duque ist tot. An seinem Grab treffen sich die Biologin Aurora, der Journalist Emiliano und der Marketingspezialist Antero nach etlichen Jahren zum ersten Mal wieder. Die vier waren Teil des avantgardistischen Online-Magazin, Punks des aufkommenden Internets, die daran glaubten, sich dieses neu aufkommende Medium zur Entwicklung ihrer Persönlichkeit zu nutzen machen zu können. Jenseits der Kommerzialisierung. Fünfzehn Jahre später blicken sie desillusioniert zurück auf die Zeit der Jahrtausendwende, als die größte Gefahr im Netz der Millennium-Bug schien.

„Was fünfzehn Jahre später das Feingefühl erwachsener, aufgeklärter Menschen wir Aurora angriff, war etwas anderes, eine Beklemmung, die nichts mehr mit der Prä-Millenniums-Anspannung zu tun hatte. Es war die diffuse Angst vor dem unabwendbaren langsamen Ersticken, nach dem nichts mehr übrig blieb.“

Bis zur letzten Seite habe ich vergeblich auf die Erkenntnis gewartet, was Galera mir mit dem Roman eigentlich erzählen will. Es liest sich wie eine Aneinanderreihung einzelne essayistische Episoden zu Digitalkapitalismus, Sexismus, Unterdrückung sexueller Identität, ausgeträumte Träume und existentieller Identitätssuche. Einzeln betrachtet sicher viel Kluges dabei. Aber die Episoden – sprachlich auf sehr unterschiedlichem Niveau- fügten sich auch im Rückblick für mich nichts zusammen. Es wird ein diffuser, nihilistischer Weltschmerz ausgewalkt hinter dem die einzelnen Figuren wage skizziert verloren gehen. Die Gegenwartskritik läuft ins Leere. Schade!

Gegen die triste Digital-Stimmung, die in dem Roman herrscht, florale Farbenfreude auf den Fotos.

 

Vielen Dank an den Suhrkamp Verlag für das Rezensionsexemplar!

 

„So enden wir“ von Daniel Galera

aus dem brasilianischen Portugiesisch von Nicolai von Schweder-Schreiner

erschienen im Suhrkamp Verlag, 232 Seiten

 

 

 

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s