Die polyglotten Liebhaber

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„Die polyglotten Liebhaber“ von Lina Wolff

„Merkt man, dass etwas faul ist, muss man seine Hand auf der Stelle zurückziehen, sonst steckt man sich an und fault ebenfalls, und dann ist alles gelaufen. Aber ich blieb.“

Im ersten Teil ist es Ellinor, die erzählt.

„Ich bin sechsunddreißig und suche einen zärtlichen, aber nicht allzu zärtlichen Mann.“

Interessen hat sie keine, ebenso keine Lieblingsautoren, kein Lieblingsessen. Generell ist Lieblings…. nicht Ellinors Ding. Unter Motto gibt sie an: „Besagten Mann zu treffen.“ Ihr ist bewusst, dass sie sich mit dieser inadäquaten Antwort bloßstellt, ihre Unzulänglichkeiten preisgibt. Jedoch ist auch Eitelkeit nicht Ellinors Ding. Sie trifft auf Calisto.

„Calisto hatte Übergewicht, fettige Haare und war offensichtlich betrunken.“

Calisto ist ein Ekel, durch und durch. Ellinor bleibt trotzdem für Wochen in seinem Haus. Bleibt trotz allem sie selbst. „… und starrt hinaus in die Dunkelheit.“

 

Max ist Schriftsteller und lebt neben und von seiner Frau.

„Damals (…) erschien mir der Rücken meiner Frau in manchen Nächten wie ein stummes Nein aus Haut und Wirbeln. Wer so einen Rücken hat, dachte ich, der braucht keine Worte. Der zierliche Rücken einer zierlichen Frau mit dem unbeugsamen Willen, für ihren Mann zu sorgen.“

„Aber die verdammte Tristesse! Vor der kann sich keiner retten!“

Max sehnt sich nach der polyglotten Liebhaberin, mit der er sich in sämtlichen Sprachen unterhalten kann. Rücksichtslos begibt er sich auf seine Suche, eine Spur der Zerstörung hinter sich ziehend.

Im letzten Teil erzählt Lucrezia.

„Mein Name ist Lucrezia Latini Orsi, und ich bin die Enkelin der skandalumwitterten Marchesa Matilda Latini, die im Sommer 2012 an gebrochenem Herzen starb. Mit ihrem Tod wurde meine Familie ihrer Seele beraubt.“

Aufgewachsen in einer emotional zerstörten Familie sind es die Räume des Palazzo, die Spiegel, Möbelstücke und Kristallkronleuchter darin, die äußere Hülle, die ihr Schutz geben, in denen sie ihre Seele verhaftet sieht.

Wie junge, austreibende Äste solitärer Efeupflanzen kriechen die einzelnen Erzählstränge des Romans aufeinander zu, ranken sich umeinander, verschlingen sich zu immer dichter werdendem Gehölz. Geben sich gegenseitig Halt und werden nach und nach zu einem Ganzen bestehend aus einer Vielzahl von Blättern, jedes für sich betrachtet ein Kleinod. Hier sind es Lina Wolffs Wörter und Sätze, die sich umschlingen. Sätze wie „Die innere Ruhe, die im Idealfall so kerzengerade wie ein Schnurlot in einem hinabbaumelt, war in meinem Fall ein verheddertes Knäuel.“, die nachhallen, die nach und nach Synapsen verknüpfen und den innersten Kern aufbrechen.

„Die polyglotten Liebhaber“ ist kein Wohlfühlbuch. Ganz sicher nicht. Lina Wolff seziert ihre Protagonisten kühl und messerscharf. Sie schält sie Schicht für Schicht, bis sie nackt und schutzlos vor uns stehen. Und zwingt den Leser dadurch dazu, sich im von blinden Flecken übersäten Spiegel der Selbstwahrnehmung zu betrachten.

Unbedingte Leseempfehlung. Ganz herzlichen Dank an den Hoffmann und Campe Verlag für das Rezensionsexemplar.

Lina Wolff
„Die polyglotten Liebhaber“
aus dem Schwedischen von Stefan Pluschkat
Hoffmann und Campe, 288 Seiten, 22 Euro

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