Idaho

Amerikanische Literatur, Bücher 2018, Debütroman, Familiengeschichte, Frauenliteratur, Neues vom Büchermarkt

„Idaho“ von Emily Ruskovich

„Wie könnte ein solcher Riss jemals heilen; ein Riss, der sich durch die Zeit, die Erde und durch Herzen zieht und an jenem Augusttag entstand, als alles aus den Fugen ging und in Stücke brach, binnen Sekunden unwiederbringlich verloren?“

Die zirpende Wärme eines idyllischen Sommertags wird jäh zerschnitten von einer unaussprechlichen Tat. Eine Tat, für deren Grausamkeit es keine Erklärung geben kann, eine Tat, die das was war unwiederbringlich macht und sich wie ein schwere, alle Emotionen dämpfende Decke auf das legt, was kommt. In der Abgeschiedenheit der Wälder Idahos tötet eine Mutter mit einem Axthieb ihre kleine Tochter. Die andere Tochter verschwindet spurlos im Wald. Zurück bleibt Wade, der Vater, der durch diese Tat alles verliert und darüber hinaus nach und nach aufgrund früh einsetzender Demenz auch die Erinnerung daran. Ann, seine zweite Frau, versucht in aufrichtiger Liebe die Last des Verlusts zu mildern. Das Gefühl des Verlusts bleibt in Wade jedoch immer präsent, auch wenn er sich dessen Ursache aufgrund seiner zunehmend vernebelnden Erinnerung immer weniger erklären kann.

„Idaho“ begleitet das Schicksal mehrerer Generationen einer Familie über ein halbes Jahrhundert. Behutsam nähert sich Emily Ruskovich der Frage, wie eine Frau voll mütterlicher Liebe zu einem solch brutalen Gewaltakt fähig ist, was Glück so jäh in Unglück verwandeln kann. In Episoden mit etlichen Zeitsprüngen wird die Geschichte vor und nach dem Ereignis erzählt. Fragen werden aufgeworfen, explizite Antworten jedoch nicht gegeben (so viel sei bereits verraten, um falschen Erwartungen vorzubeugen). Und gerade das macht das Buch so lebensnah, so empathisch. Es bleibt bei Erklärungsansätzen, bei Vermutungen und angedeuteten Wahrheiten, die jedoch immer nur die Wahrheit eines Einzelnen sein könnten.

„Seltsam, dass Zeit einmal etwas war, das sich messen ließ – Stunden, Tage und Wochen. Unvorstellbar, dass ein Tag einmal einen Anfang und ein Ende gehabt hat.“

 

Auch wenn es die Grausamkeit der Tat, die im Mittelpunkt steht, nicht vermuten lässt, ist „Idaho“ ein sehr sanftes, lyrisches Buch . Mit einer ganz eigenen, schnörkellosen Sprache fängt Emily Ruskovich in ihrem Debütroman Momente atmosphärisch ein, lässt den Leser teilhaben an beobachtendem Innehalten. Sie zeigt Verständnis ohne zu entschuldigen. Mich hat das Buch von Anfang an gefangen genommen und bis zum Schluss nicht losgelassen, daher eine ganz klare Leseempfehlung.

 

Vielen herzlichen Dank an den Hanser Verlag für das Rezensionsexemplar.(Werbung/unbezahlt)

Emily Ruskovich    „Idaho“

aus dem Englischen von Stefanie Jacobs

erschienen bei Hanser Berlin im Carl Hanser Verlag München, 2018

377 Seiten; 24,- €

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