Warten auf Schnee

Bücher 2018, Debütroman, Deutschsprachige Literatur, Familiengeschichte, Frauenliteratur, Lieblingsbücher, Neues vom Büchermarkt

„Warten auf Schnee“ von Karoline Menge

„Meine Mutter ging an einem Nachmittag im Januar.“

Zurück bleiben Pauli und Karine. In einem Haus, das am Rande eines Dorfs liegt in einer Welt, die hinter dem Hügel endet, und einer Zeit, die schwebt zwischen Sein und Nichtsein. Zwischen Erinnerungen und Phantasie, Freude und Angst. Realität und Wahn.

Pauli wächst bei ihrer Mutter auf. Eine Mutter, die nur kostümiert ins Dorf geht – in „langen Kleidern, die mit bunten Perlen bestickt waren und Rüschen an Saum und Ärmeln hatte (…) Seidentücher um die Schultern (…) Masken mit blauen und grünen Federn und silbernen Perlen um die Augen“

Eines Tages – „ein Tag, der aussah wie die dunkelste Nacht“- kommt Karine zu ihnen ins Haus. „Karine hat keine Familie mehr, deshalb lebt sie jetzt bei uns.“, mehr Erklärung bedarf es der Mutter nicht. Der Vater von Pauli ist schon vor langer Zeit verschwunden – wohin, wann, wie ist in Vergessenheit geraten. Überhaupt verschwinden nach und nach alle Menschen rund um Pauli und Karine. Ihre Welt leert sich immer mehr, die anfängliche scheinbare Realität weicht dem Ungewissen, Strukturen lösen sich immer mehr auf, diffuse Gedanken bleiben zurück.

„Es musste einen Zeitpunkt gegeben haben, an dem meine Haut begann, das Licht durchzulassen, blass und dünn zu werden, zu einer Hülle, die der Luft immer ähnlicher wurde.“

Karoline Menge gelingt es in ihrem Debütroman eine Welt zu schaffen, in die man beim Lesen versinkt wie in eine durchträumte Nacht. Träume, die anfangs viele einlullende Momente der Geborgenheit bereit halten, dann jedoch zunehmend beherrscht werden von Albtraumsequenzen à la Edgar Allan Poe, in denen sich sämtliche Archetypen der Angst wiederspiegeln. Oft sind es dabei klassische Märchenmotive, die Menge zur Visualisierung einsetzt. Sprachlich ist „Warten auf Schnee“ ein Hochgenuss.

„Auf dem Sandweg liegen Pfützen, in denen sich der Himmel spiegelt. Es sieht aus, als hätte der Weg Löcher, in denen eine andere Welt schimmert, ein zweiter Himmel und noch mehr Bäume. Man müsste nur hineinspringen. Vielleicht ist es so einfach.“

Ein außergewöhnliches Buch in jeder Hinsicht, das mir ein großartiges Leseerlebnis bot! Ich freue mich schon jetzt darauf, mehr von dieser Autorin zu lesen.

Vielen lieben Dank an die Frankfurter Verlagsanstalt für das Rezensionsexemplar!

 

Karoline Menge „Warten auf Schnee“

erschienen in der FVA, 2018

200 Seiten, 20,- €

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