Darling, oh Darling

Amerikanische Literatur, Bücher 2018, Debütroman, Familiengeschichte, Im Gespräch, Neues vom Büchermarkt

„Mein Ein und Alles“ von Gabriel Tallent

„Ihr Hals ist gegen das Kissen gedrückt, mit papiernen, nassen Blättern gefüllt, als wäre sie eine kalte Sickerstelle im Herbst und das winterliche Wasser würde durch sie beide hindurchsickern, nach Pfeffer und Kiefernnadeln schmecken, Eichenblätter und der grüne Geschmack von Wiesengras. Er hält ihren Körper für etwas, das er versteht, und hinterhältigerweise ist er das auch.“

„My absolute darling“ – so der Originaltitel von „Mein Ein und Alles“ – ist die 14-jährige Turtle für ihren Vater Martin, mit dem sie in der toxischen Abgeschiedenheit eines heruntergekommenen Hauses in den nordkalifornischen Wäldern lebt. Bis auf den Großvater ist Turtle isoliert von jeglichem menschlichen, über die Oberflächlichkeit des Alltags hinausgehenden, Kontakt. Was die Beziehung Martins zu seiner Tochter betrifft, ist das „absolute“ des Titel wörtlich zu nehmen ist – „Woran es Dir auch fehlte, was auch immer ich dir nicht geben konnte, du wurdest immer geliebt, innig und bedingungslos.“ Es ist jedoch eine krankhaft obsessive, besitzerergreifende, missbrauchende Liebe. Ein Liebe die physisch und psychisch zerstört.

Gabriel Tallent schockiert (und vergrault eventuell einige) seine(r) LeserInnen schon auf den ersten Seiten seines Debütromans mit einer sehr expliziten Beschreibung eines sexuellen Missbrauchs – er folgt damit wohl dem literarischen Trend der „Tabulosigkeit“, der sich schon in Romanen wie „Und es schmilzt“ und „Ein wenig Leben“ zeigt. Die Grenzen zwischen für die Story nötiger Konfrontation mit dem Grauen und die Verkaufszahlen ankurbelnden, überflüssigen Voyeurismus sind sicher fließend und werden von jedem Leser anders empfunden. Schwerer auszuhalten für mich waren jedoch die intensiven inneren Monologe der Protagonistin Turtle (von ihrem Vater übrigens bezeichnender Weise „Krümmel“ genannt), die zeigen wie „brainwashed“ Turtle durch den jahrelangen manipulativen Missbrauch durch ihren Vater ist. Leider jedoch teilweise auf eine für mich zu platte und plakativen Weise, wenn in den Gedankenmonologen 1:1 dessen degradierenden „Vergewaltigungsjargon“ aufgegriffen wird. Auch stilistisch nervt es irgendwann, wenn sich zwischen jedem Halbsatz der Einschub „denkt sie“ wiederholt.

Es finden sich zahlreiche Tempowechsel in dem Roman, gerade im letzten Drittel artet er in einen regelrechten Actionthriller aus, was sich flüssig lesen lässt, aber nicht unbedingt zu Tiefe beiträgt. In der Hinsicht ein sehr amerikanisches Buch – auch und gerade was die Darstellung der kindlichen Heldin betrifft.

„Turtle is a staunchly American type, perhaps the American type — tough, taciturn and almost pathologically self-sufficient. She lives on raw eggs, thistles, the rabbits and crabs she catches herself (how alluring she’ll be to critics of helicopter parenting). With her scabby knees and clear eyes, her native iconoclasm and funny nickname, she recalls the great child characters of American literature, all of them wayward and wounded: Scout from “To Kill a Mockingbird,” Bone from “Bastard Out of Carolina,” Frankie from “The Member of the Wedding,” Huck Finn. Her name is significant, too; like Pip from “Great Expectations,” she has chosen it herself, and it harkens back to yet another character — Turtle, the tomboy detective from Ellen Raskin’s young-adult novel “The Westing Game.”“

( aus „A Heroine in the Mold of Huck and Scout“ von Parul Sehgal, erschienen in der New York Times, Aug 2017)

Für mich war „Mein Ein und Alles“ eine kurzweilige Lektüre mit ziemlicher Sogwirkung. Literarisch wechselhaft, jedoch durchaus mit Passagen, die das große erzählerische Potential Gabriel Tallents erahnen lassen. Ich bin auf jeden Fall gespannt, was von ihm noch kommt.


Vielen Dank an den Penguin Verlag für das Rezensionsexemplar!

Gabriel Tallent „Mein Ein und Alles“

aus dem Englischen von Stehan Kleiner

erschienen im Penguin Verlag, 2018

479 Seiten, 24,-€

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s