Weggehen um anzukommen

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„Das Leuchten in mir“ von Grégoire Delacourt

„Ich glaube, dass man wegen einer kleinen inneren Leere in die Liebe stolpert. Wegen eines kaum wahrnehmbaren Freiraums. Eines nie befriedigten Hungers.“

Emmanuelles Tage sind „kleine Kieselsteine eines wohlgeordneten Lebens (…), eines alten Versprechens, vorgezeichneten Bahnen zu folgen“. Ihr Mann Olivier, die drei Kinder, eine gesicherte, behagliche Existenz in der Vorstadt – und dann trifft sie „die Sorte Mann, für die eine Frau alles aufgibt.“ (ja… der Autor ist männlich). Sie entschließt sich, ihre Familie hinter sich zu lassen, sie zu zerstören, um ohne sie glücklich zu werden. „Ich wollte keinen Geliebten. Ich wollte einen Rausch.“ – die Katastrophe nimmt ihren Lauf, der dann jedoch so ganz anders ist als erwartet.

Ende des 19. Jahrhunderts erzählte Alphonse Daudet in einem Brief die Geschichte „La Chèvre de monsieur Seguin“. Die kleine Ziege Blanquette büchst aus dem Schutz des Stalls von Herrn Seguin aus, um ihr Glück im Gebirge zu suchen.

 „Mit einem Sprung setzte sie über breite Gießbäche weg, die sie dabei mit Tropfen und Schaum bedeckten. Triefend streckte sie sich dann auf irgend eine Felsenplatte und ließ sich von den Strahlen der Sonne trocknen . . . . Einmal als sie, eine Blüte des Goldregens zwischen den Zähnen, sich dem Rande einer Felsplatte näherte, bemerkte sie unten, ganz unten in der Ebene das Haus des Herrn Seguin und dahinter das Gehege. Das machte sie lachen bis zu Tränen. »Wie klein das ist!« sagte sie; »wie habe ich nur darin Platz finden können? . . .«

Die ärmste! Da sie so hoch oben stand, hielt sie sich für mindestens ebenso groß, wie die ganze Welt . . .“

Es kam wie es kommen musste, nachdem der erste Rausch über die Freiheit abgeklungen ist, begegnet sie dem in der Wildnis lauernden Wolf und nach einem die ganze Nacht überdauernden Kampf wird sie von ihm gefressen.

Grégoire Delacourt verweist in „Das Leuchten in mir“ in kurzen Einschüben immer wieder auf die kleine Ziege des Monsieur Seguin und erzählt seine Version dieser Parabel auf die nie stillbare Sehnsucht nach dem Erfüllenden, die das Leben ausmacht.

„Weggehen ist nicht nur Feigheit, es ist auch die Hoffnung anzukommen.“

Ein Buch wie eine laue Sommernacht bei Kerzenschein und Musik von Nick Cave mit zu viel Wein, vermeintlich tiefsinnigen Gesprächen, ab und zu einem juckendem Mückenstich und dem Gefühl, man möchte diesen Moment einfangen und für immer festhalten. Etwas kitschig verklärt, fernab vom entlarvenden Tageslicht und gerade darum gut für die Seele.

 

 

„Die Gegenwart ist der Ort, wo die Dinge andauern. Ist Dir aufgefallen, dass nur das Verb lieben anders funktioniert? Es macht uns vor, es sei von Dauer, aber wir wissen beide, dass es nur ein Versprechen ist., nur ein Versuch. Es ist ein Ziel, und niemand weiß, ob es je erreicht wird. Es ist sozusagen im Futur. „Ich liebe dich“ heißt, ich werde dich lieben.“

Danke an den Hoffmann und Campe Verlag für das Rezensionsexemplar.

Grégoire Delacourt

„Das Leuchten in mir“

aus dem Französischen von Claudia Steinitz

erschienen im Hoffmann und Campe Verlag, 2018

267 Seiten, 20,-€

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