Mein Pochendes Leben

Aus aller Welt, Aus meinem Bücherregal, Bücher 2018, Familiengeschichte, Frauenliteratur, Lieblingsbücher, Unabhängige Verlage

„Schaut mein Vater mich an, sieht er sich als Achtzigjährigen. Schaue ich ihn an, sehe ich mich als Zweiunddreißigjährigen,

ein Alter, das ich nie erreichen werde.

Die Zukunft, die nicht sein wird, und die Vergangenheit, die niemals war,

blicken einander an und fragen sich:

Ist sechzehn das richtige Alter, um Eltern eines Kindes zu werden?

Ist zweiunddreißig das richtige Alter, um dieses Kind zu verlieren.

(…)

Dies ist die Geschichte von sehr jungen Eltern und ihrem sehr alten Kind.“

Arum, der Ich-Erzähler des Romans „Mein pochendes Leben“, leidet an Progerie, der Krankheit des vorzeitigen Alterns. Er ist ein Sechzehnjähriger im Körper eines Achtzigjährigen und einer Seele, die weit über sein Sein hinausgeht. Die koreanische Autorin Ae-ran Kim lässt ihn aus seiner Sicht die Geschichte seiner Eltern Mira Choi und Daesu Han erzählen, deren Lebenspläne durch die ungewollte Schwangerschaft auf den Kopf gestellt werden. Die beiden 16-jährigen aus einfachen Verhältnissen sind gezwungen die Schule zu verlassen und versuchen fortan sich eine bescheide Familienexistenz aufzubauen. Es ist Arum, der lange vor ihnen die aufrichtige Liebe zwischen seinen Eltern erkennt. Der erkennt, dass es genau seiner bedurfte, um ihrem Leben Richtung zu geben.

„Wenn man jemanden liebt, gibt es dafür eindeutige Zeichen.“

Meine Mutter schaute mich mit großen Augen an.

„Man will vor dem geliebten Menschen wegrennen.“

Im weiteren Verlauf nimmt Arum zur Finanzierung seiner Krankenhausaufenthalte an einer TV-Spendenshow teil und kommt dadurch per Mail in Kontakt mit der krebskranken So-ha, die sein Leben auf den Kopf stellt.

Auch wenn der Plot auf den ersten Blick an eine klassiche Teenager-Romanze oder Coming-of-age Geschichte denken lässt, ist er das so ganz und gar nicht. Ae-Ran Kim erzählt in aller Brüchigkeit von der Liebe eines Sohns zu seinen Eltern.

„Dabei bedient sie sich der Versatzstücke klassischer Bildung genauso wie des Comics, des Popsongs, ja auch des Videospiels, in dessen Welt Arum mühelos herumhüpfen und, wenn er gestorben ist, einfach wieder von vorn anfangen kann. All das ist für die Wahrnehmung des Protagonisten genauso bedeutsam wie die Natur und der Wechsel der Jahreszeiten, der sich gleichsam leitmotivisch durch den ganzen Roman zieht. Er spiegelt letztendlich auch das Werden und Vergehen alles Lebenden.“

Jonathan Böhm für die SWR2-Sendung „Buch der Woche“, 23.6.2017

„Ich hauchte meinen Atem in die Luft. Er war weiß, leicht und vergänglich, wie ein Negativ im Entwicklerbad. Es schien, als berührte meine Innenwelt für einen kurzen Moment die Außenwelt, bevor sich der Hauch wieder verflüchtigte. Oder er nahm die Gestalt meiner Seele an, die sich nur in der kalten Jahreszeit für einen kurzen Augenblick zeigte.“

Neben der poetischen Sprache Ae-Ran Kims und einem Plot, der fesselt ohne überfrachtet zu sein, ist es die wunderschöne Aufmachung des Romans aus dem cass Verlag, die das Buch zu einem absoluten Highlight meines Lesejahres macht. Eine ganz nachdrückliche Leseempfehlung aus Liebe zu diesem außergewöhnlichen Buch und dem tollen cass Verlag!

(Werbung/unbezahlt)

Ae-Ran Kim, „Mein pochendes Leben“

Aus dem Koreanischen von Sebastian Bring

Erschienen im cass Verlag, 2017

317 Seiten, 24,- €

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