Brennender Whiskey fürs Herz

Amerikanische Literatur, Aus meinem Bücherregal, Debütroman, Frauenliteratur, Historischer Roman, Lieblingsbücher, Unabhängige Verlage

Ein Segelschiff im Hafen Sansibars, Ostafrika, 1851: Der abgewrackte Trinker McGlue wird stockbesoffen an Bord geschleppt, unter Deck gebracht und in eine finstere Koje gesperrt. „Tief unten im Bauch des schwankenden Schiffs treibe ich irgendwohin.“

Er soll Johnson ermordet haben. So viel dringt durch in seinen gespaltenen Schädel. Ein Loch ist in seinem Kopf, seit er von der Eisenbahn sprang. Auch das weiß er noch. Durch das Loch blicken wir in die Gedanken McGlues. Haltlos schliddern sie in seinem Kopf hin und her wie ungesicherte Schiffsfracht bei hohem Seegang. Ein Mahlstrom aus Erinnerungsfetzen, Träumen und Wahnvorstellungen, wankend und schwankend zwischen Gegenwart und Vergangenheit. Monologisierend zieht uns McGlue hinab in die düstere, stinkende Trostlosigkeit seines Gedankenverlies. Er wird auf dem Schiff zurück nach Salem, Massachusetts gebracht. An Stelle der Koje im Schiffsrumpf tritt eine karge Zelle. Dort in seiner Heimatstadt soll ihm der Prozess gemacht werden. Er, McGlue, ein Säufer aus erbärmlichsten Verhältnissen, der nie etwas anderes kennengelernt hat als Hunger, Armut, Gewalt und Elend, soll also den aus wohlhabender Familie stammenden Johnson ermordet haben? Ausgerechnet Johnson, seinen besten, seinen einzigen Freund? Seinen Lebensretter! Seine Liebe! Johnson, der ihm einst sagte: „Zusammen werden wir es schaffen.“

„Ich wollte es nicht schaffen. Ich wollte es mit ins Bett nehmen, es würgen und töten und retten und gesund pflegen und wieder erwürgen, und ich wollte gehen und vergessen, wo ich hinging, und ich wollte meinen Namen ändern und mein Gesicht vergessen und trinken und meinen Kopf zugrunde richten, aber es schaffen – darüber hatte ich noch nie nachgedacht.“

Ottessa Moshfegh ist 2014 mit ihrem Debütroman ein literarisches Kunstwerk gelungen. Ein düsteres, abgründiges, aufwühlendes Kunstwerk. Dem Leser bleibt nichts erspart: übelste Gerüche, Körpersäfte, Selbstekel und Menschenhass. Brachiale Gewalt, Skrupellosigkeit, die dunkelsten Seiten der Trunksucht. All das presst uns Moshfegh erbarmungslos in den Kopf. Aber – und das ist der Punkt, der diesen Roman grandios macht – alles in einer Knappheit, mit einer Wucht und Einprägsamkeit, einer verborgenen Sensibilität, die einem in keinem Moment das Gefühl gibt, einem billigen, voyeuristischen Kitzel verfallen zu sein. Man wird beim Lesen zu McGlue, diesem elenden Säufer mit dem Loch im Kopf.

Völlig unerwartet hat mich dieser Roman aus der Münchner Verlagsbuchhandlung Liebeskind gepackt und durch die Mangel gedreht – meine Lesehighlight 2018!

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(Werbung unbezahlt/Rezensionsexemplar)

 

Ottessa Moshfegh „McGlue“

aus dem Englischen von Anke Caroline Burger

erschienen in der Verlagsbuchhandlung Liebeskind, 2016

144 Seiten, 16 Euro

 

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