Mit Leben gefüllte Leerstellen

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„Wie alle Bücher ist auch das vorliegende Buch von dem Begehren angetrieben, etwas überleben zu lassen, Vergangenes zu vergegenwärtigen, Vergessenes zu beschwören, Verstummtes zu Wort kommen zu lassen und Versäumtes zu betrauern. Nichts kann im Schreiben zurückgeholt, aber alles erfahrbar werden. So handelt dieser Band gleichermaßen vom Suchen wie vom Finden, vom Verlieren wie vom Gewinnen und lässt erahnen, dass der Unterschied zwischen An- und Abwesenheit womöglich marginal ist, solange es die Erinnerung gibt.“

Bessere Worte als die der Autorin selber lassen sich nicht finden für den Erzählband „Verzeichnis einiger Verluste“ von Judith Schlanasky. (Es sei dahin gestellt, ob dieses wundersame Buch überhaupt als „Erzählband“ bezeichnet werden kann.) In zwölf Episoden füllt Schalansky Leerstellen, es geht indirekt um versunkene Atolle, zerstörte Gemälde, verschollene Schriftstücke und ausgestorbene Tierarten und Fabelwesen. Jedem Kapitel vorangestellt ist eine kurze Verlustbeschreibung – was Schalansky im Folgenden daraus ableitet, zu welchen Gedankensprüngen sie die aufgedeckten Leerstellen anregen, ist ganz unterschiedlich, sowohl stilistisch als auch inhaltlich. Jedes Kapitel für sich ein literarisches Kleinod, keine Episode, die nicht funktioniert. Dass Schalansky schreiben kann, steht außer Frage. Selten hat mich die Beschreibung von Natur und Landschaft so gefesselt wie in „Hafen von Greifswald“, in der Schalansky sich ausschließlich auf die Wiedergabe ihrer Beobachtungen während einer mehrtätigen Wanderung beschränkt.

„Tief und schwer hängt über mir die weite, breit gespannte Wolkendecke. Nur in der Ferne lichtet sich der Himmel und gibt den Blick auf einen Streifen blasszarten Rosas frei. Ein paar breitschultrige Eichen erheben sich über die Koppel, Relikte einer längst gerodeten Hutung. Ihr Geäst spiegelt sich in den Senken voller Regen- und Schmelzwasser, groß wie Seen. Binsengleich ragt falbes Gras aus den blassblauen Lachen. Eine Bachstelze hüpft durch das Wasser, senkt knicksend die Schwanzfedern und erhebt sich zu ihrem federnden Flug.“

Neben dieser großen Erzählkunst, ist es auch die äußere Gestaltung, die „Verzeichnis einiger Verlust“ zu mit dem schönsten literarischen Erlebniss dieses Jahres macht. Die strenge Symmetrie im Aufbau (mit Vorbemerkung, Vorwort, Personen- und Bildverzeichnis sind es genau 16 Kapitel à 16 Seiten), die im spannenden Kontrast zum nicht kategorisierbaren Inhalt steht, die schwarz auf schwarz gedruckten Abbildungen zwischen den Kapiteln, die man erst bei genauerem Hinsehen entdeckt und die aufwendige Fadenbindung, machen das Werk zu einem Kunstwerk.

Dieses Buch ist es wert, sich Zeit zu nehmen, sich auf das Erzähltempo Schalanskys einzulassen, das Abschweifen in eigene Gedankengänge zuzulassen, um dann wieder in dem Verzeichnis der Verlust zu versinken.

Nichts für Bücherkonsumenten, großartig für Literaturliebhaber.

(Werbung unbezahlt/Rezensionsexemplar)

Judith Schalansky „Verzeichnis einiger Verluste“

erschienen im Suhrkamp Verlag, 2018

252 Seiten, 24 Euro

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