Alkohol und eine tote, gefrorene Maus im Handschuhfach

Amerikanische Literatur, Aus meinem Bücherregal, Bücher 2019, Frauenliteratur, Lieblingsbücher, Psychothriller, Punks not dead!, Unabhängige Verlage

… zwei feste Bestandteile im Leben Eileens. Und viel rosiger ist der Rest auch nicht. Unsichtbar, voller Selbsthass, den Kopf angefüllt mit unterdrückten Aggressionen und abstrusen erotischen Phantasien – so beschreibt die inzwischen 70-jährige Protagonistin Eileen rückblickend ihr 24-jähriges Ich. Trostlos ist das Leben 1964 in der amerikanische Kleinstadt an der Ostküste, im Roman schlicht X-Ville genannt, trostlos ist Eileens Leben, deren gleichförmigen Tage sinnlos dahinsiechen zwischen dem örtlichen Jugendgefängnis, wo sie als Sekretärin arbeitet, und einem zugemüllten Einfamilienhaus, in dem sie mit ihrem Vater, einem pensionierter Cop und paranoidem Alkoholiker, haust.

„Ich war einfach nur unglücklich. Deswegen saß ich an meinem Schreibtisch und übte meine Totenmaske – das vollkommen teilnahmslose Gesicht, in dem sich kein Muskel regt…“

Ottessa Moshfegh macht es ihren Lesern mal wieder nicht leicht – wirklich sympathisch ist keine ihrer Figuren und schon gar nicht Eileen, die man bestenfalls ambivalent als ekel- aber auch mitleiderregend empfindet. Deren freudloses Leben nimmt eine drastische Wendung, als sie Rebecca begegnet. Rebecca kommt als Erziehungsbeauftragte ins Jugendgefängnis kommt und erscheint Eileen als Inbegriff der Vollkommenheit.

„Ich verspürte eine solche Verbundenheit mit dieser Frau, solch eine Ehrfurcht, dass man meinen sollte, ich hätte nie zuvor eine Freundin gehabt. Und das hatte ich ja im Grunde auch nicht.“

Die natürlich alles andere als vollkommene Rebecca ist es schließlich, die Eileen in eine derart aussichtlose Situation bringt, dass ihr nichts anderes bleibt, als fluchtartig alles Vertraute ihres bisherigen Lebens für immer hinter sich zu lassen.

Was auf den ersten Blick als Psychothriller daher kommt, erweist sich beim Lesen – wie schon Moshfeghs Debüt McGlue – als keinem festen Genre zuzuordnendes literarisches Kunststück. Düster, atmosphärisch dicht schildert sie in den ersten zwei Dritteln des Buchs in scheinbarer Endlosschleife den trostlosen Alltag Eileens – klingt eintönig? Mitnichten! Ist es doch diese Art der Schilderung, die es ermöglicht, die Atmosphäre nicht nur zu „erlesen“ sondern vollständig darin einzutauchen, mit ihr eins zu werden. Die von Beginn an angedeutet schreckliche Tat, auf die der Plot hinausläuft, wird gegen Ende zackig auf wenigen Seiten abgehandelt. Das Wesentliche ist da schon längst erzählt.

Um Moshfegh zu mögen, darf man die sowohl körperlichen als auch psychischen Abgründe, in die sie ihre Leser zieht, nicht fürchten. Sprachgewaltig, unkonventionelle und rücksichtlos erzählt sie Geschichten, die entlarven ohne von oben herab zu werten. Großartig!

„Ich weiß nicht, warum in unserer Familie alles schief gelaufen ist. Wir waren keine schrecklichen Menschen, nicht schlimmer als der Durchschnitt. Es ist wahrscheinlich Glückssache, wie es kommt im Leben und was aus einem wird.“

(Werbung unbezahlt/Rezensionsexemplar)

 

Ottessa Moshfegh „Eileen“

aus dem Englischen von Anke Caroline Burger

erschienen im Liebeskind Verlag, München 2017

336 Seiten, 22 Euro

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