64

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Hätte mir jemand empfohlen, ein 760 Seiten dicken (!) Kriminalroman (!!) über interne Machenschaften des japanischen Polizeiapparats (!!!) zu lesen, hätte ich vermutlich höflich genickt und zu einem anderen Buch gegriffen. Zugegeben, es war ein Coverkauf. Einer der beste, die ich tätigen konnte!

„Die Shōwa-Zeit (jap. 昭和時代, Shōwa-jidai, dt. „Ära des erleuchteten Friedens“) ist die Bezeichnung für eine Epoche in der Geschichte Japans. Sie bezeichnet die Regierungszeit des Tennō Hirohito, des dritten Kaisers der modernen Periode, vom 25. Dezember 1926 bis zum 7. Januar 1989.“

5. Januar 1989 – es ist das 64. Jahr der Shōwa-Zeit. Die 7-jährige Shoko Amamiya verlässt ihr Elternhaus und verschwindet auf dem Weg zum nah gelegenen Haus eines Verwandten spurlos. Zwei Stunden später meldet sich der Entführung mit einer Lösegeldforderung, das Geld wird übergeben, wenige Tage später findet man die Leiche des Mädchens. Es beginnt die Heisei Ära. Der Entführungsfall 64 bleibt ungelöst.

„Die Anfangstage von Heisei trugen das Schandmal der Demütigung. Neben dem Zorn, den die Polizei auf den Entführer empfand, herrschte lange Zeit das Gefühl vor, dass die Shōwa-Ära um ihre letzten Tage betrogen worden war.“

Vierzehn Jahre später plant der Generalinspektor der japanischen Polizei höchstpersönlich aus Tokio anzureisen, um mit dem Vater des entführen Mädchens PR-wirksam zu trauern. Dahinter steckt ein Hegemoniestreben der Zentralautorität, das zu einem erbitterten, internen Machtkampf zwischen dem bürokratischen Verwaltungsapparat und der ermittelten Kriminalabteilung führt. Mikami, Pressedirektor des Polizeipräsidiums in der Präfektur D und ehemals Mitglied der Vorort-Einheit im Entführungsfall, steht zwischen den Fronten. Mit den Vorbereitung des Besuchs betraut, stößt Mikami auf ein geheimes Memo über verdeckten Ermittlungsfehlern, das seine Loyalität zu seiner ehemaligen Einheit immer mehr in Frage stellt.

„Wir sind Individuen, aber wir sind auch Teil von etwas Größerem.“

Auf 760 Seiten entspannt Hideo Yokoyama eine Kriminalgeschichte, die tiefe Einblicke in die Strukturen einer Gesellschaft bietet, in der Traditionen, verkrustete Bürokratie und strikte Hierarchie auf moderne Werte wie Empathie, Mitleid und Wahrheitssuche treffen. Strukturen, die sich abgewandelt auch in unserer Gesellschaft finden. Er zeigt wie schwer es ist, den eigenen Idealen treu zu bleiben auf der Suche nach der Wahrheit, zerrissen zwischen unterschiedlichen Werten und Überzeugungen. „Um einen Frevel zu fangen, musst zu selber einer sein.“

Sein Stil ist dabei zurückhaltend, Yokoyama nimmt sich Zeit, fordert Zeit von seinen Lesern. Er verzichtet auf künstliche Spannungsmache, entspricht so gar nicht den gängigen Erzählweisen moderner Kriminalliteratur und hat damit einen Kriminalroman geschaffen, der weit über das für Genre Typische hinausgeht. Der richtig gute Literatur ist!

Hideo Yokoyama „64″

aus dem Englischen von Sabine Roth und Nikolaus Stingl.

erschienen im Atrium Verlag, Zürich 2018. 768 Seiten. 28 Euro.

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