Acht Bissen müssen genügen

Amerikanische Literatur, Bücher 2019, Debütroman, Erzählband, Frauenliteratur, Gesellschaftsroman, Im Gespräch, Lieblingsbücher, Neues vom Büchermarkt

„GEIST“: Eine Prostituierte wird ermordet. Sie ist zu müde, um zum Geist zu werden.

„WUT“: Eine Prostituierte wird ermordet. Sie ist zu wütend, um zum Geist zu werden.

„REIN“: Eine Prosituierte wird ermordet. Sie ist zu traurig, um zum Geist zu werden.

Mein weibliche Körper, mein weiblicher Geist. Wer hat die Macht darüber? Bin tatsächlich ich es, wie es mir mein aufgeklärter Verstand vorgaukelt? Welche Macht ist es, die mich morgens vor dem Spiegel stehen lässt, mit einem Teufel (-chen wäre beschönigend) auf der Schulter, der mir zuflüstert, was da alles nicht so stimmt mit der Optik? Welche Macht lässt mich denken, dass ich es bin, die die Verantwortung trägt für das Glück der Menschen, die ich liebe? Die mich drängt, meine eigenen Bedürfnisse oft hintenanzustellen, wenn es um meine Familien geht? Wer gibt die Maßstäbe vor fürs weibliche Sein?

„Acht Bissen reichten meinem Körper nicht, also würde ich dafür sorgen, dass mein Körper für acht Bissen reicht.“

Drastische Bilder sind es, die Carmen Maria Machado in ihren Erzählungen zeichnet. Eine Frau lässt sich ihren Magen verkleinern und wird danach vom Geist ihrer verlorenen Körpermasse verfolgt. Eine andere Frau trägt ein grünes Band um den Hals, verteidigt es über Jahre hinweg gegen ihren Mann. Nach langer Ehe in dem sie ihm alles gibt, verlangt er immer noch danach es zu lösen. Sie gibt ihm nach und alles ist verloren. Eine dritte Frau kann nach einer Vergewaltigung die Gedanken der Darsteller in Pornofilmen hören. Frauen werden durchsichtig und lassen sich in die Säume und Falten von glitzernden Kleidern einnähen, in die sich Teenager hüllen, um auf Abschlussbällen zu glänzen. Bilder die so komplex und tief verwurzelt sind, das es oft einiger Reflektion bedarf, um zu erkennen wie viel Realitätsnähe hinter diesen skurrilen, oft ins Groteske verzerrten Parabeln steckt.

„Was ist schlimmer: aus dem eigenen Kopf ausgeschlossen oder darin eingeschlossen zu sein?

Was ist schlimmer: eine Standardmetapher zu schreiben oder selbst eine zu sein? Was, wenn man mehr als eine ist?“

Das alles wird getragen von der Sprache Machados, die so poetisch, so grausam, so wunderschön ist, das man staunend liest und liest und liest.

„Dann zieht das dunstige Geschwirr des Sommers heran, und die Luft schrillt und summt. Zikaden mordende Wespen fangen die schwächsten und stechen sie starr, hieven das Gewicht der glasgeflügelten Leichen immer höher empor und außer Sicht. Glühwürmchen blenden trunken die Dunkelheit. Das Blattwerk ist dich und dunkelgrün, die Bäume stehen eng und undurchdringlich beieinander, fangen Geheimnisse ein, und nur das gewaltige Toben des Donners und der bleiche Brand der Blitze können sie auseinanderreißen.“

„Ihr Körper und andere Teilhaber“ – ein außergewöhnlicher Erzählband, der auf sehr eindringliche Art auffordert zu hinterfragen, nach wessen Regeln und Maßstäbe wir leben. Sind es tatsächlich die eigenen?

 

Carmen Maria Machado „Ihr Körper und andere Teilhaber“

aus dem Amerikanischen von Anna-Nina Kroll

erschienen im Tropen Verlag, 2019

300 Seiten, 20 €

 

 

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s